Arbeitsrecht

Wann muss die Krankmeldung beim Arbeitsgeber sein?

19.05.2017
Redaktion fachanwalt.de

Nahezu jeder Arbeitnehmer kennt die Situation, wenn vor der Arbeit der Wecker klingelt und man feststellen muss, dass man erkrankt ist. Sei es eine starke Erkältung, eine Grippe, plötzliche Zahnschmerzen oder gar Schlimmeres, mit dem Ergebnis, dass man nicht dazu in der Lage ist, seine Arbeit aufzunehmen bzw. eine Arbeitsaufnahme zu einer Verschlimmerung der Erkrankung oder einer Verzögerung der Genesung führen würde. Gerade wer zum ersten Mal in diese Situation gerät, fragt sich, was nun zu tun ist. Wann muss ich meinen Arbeitgeber über meine Erkrankung in Kenntnis setzen? Muss ich ggf. sogar eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (auch ärztliches Attest oder „gelber Schein“ genannt) vorlegen?
 

Unterscheidung Anzeigepflicht und Nachweispflicht

Welche Pflichten der Arbeitnehmer hat, wenn er arbeitsunfähig wird, ergibt sich maßgeblich aus § 5 Entgeltfortzahlungsgesetz (EFZG). Dort wird zunächst unterschieden zwischen

  • Anzeigepflicht und
  • Nachweispflicht.

Die Anzeigepflicht

Unter der Anzeigepflicht ist vereinfacht gesagt die Mitteilung, dass man arbeitsunfähig ist, an den Arbeitgeber zu verstehen. Dabei umfasst die Anzeigepflicht nicht nur die Mitteilung über die Arbeitsunfähigkeit, sondern auch über deren voraussichtliche Dauer.

Diese Mitteilung hat der Arbeitnehmer unverzüglich gegenüber dem Arbeitgeber zu machen. Unverzüglich bedeutet ohne schuldhaftes Zögern. Eine bestimmte Form der Mitteilung ist im Gesetz nicht vorgeschrieben, in der Regel wird die Mitteilung daher telefonisch oder per E-Mail, ggf. sogar per SMS oder Whatsapp Nachricht erfolgen. Eine postalische Benachrichtigung, d. h. per klassischem Brief, ist in der heutigen Zeit moderner Kommunikationssysteme nicht ausreichend. Die Mitteilung sollte sofern möglich bereits vor Arbeitsbeginn erfolgen, damit der Arbeitgeber ggf. erforderliche Dispositionen treffen kann. Spätestens aber, sobald der Arbeitgeber telefonisch erreichbar ist, sollte die telefonische Mitteilung erfolgen, wenn nicht ohnehin bereits eine frühere Mitteilung per E-Mail erfolgt ist. Natürlich kann es Situationen geben, in denen einem die Mitteilung über die Arbeitsunfähigkeit nicht gleich zu Beginn der Arbeitsunfähigkeit möglich ist. Das sind insbesondere Fälle, in denen die Arbeitsunfähigkeit die Folge eines schweren Unfalles (vielleicht auf dem Weg zur Arbeit) oder einer plötzlichen schweren Erkrankung ist. Ist der Arbeitnehmer in diesen Fällen nicht dazu in der Lage, die Mitteilung an den Arbeitgeber selbst vorzunehmen, so hat er einen Boten (Verwandte, Lebenspartner, Freunde etc.) einzuschalten, der die Mitteilung für ihn vornimmt.

Lediglich, wenn eine derartige schwere Arbeitsunfähigkeit vorliegt, die es dem Arbeitnehmer nicht mal mehr ermöglicht einen Boten zu beauftragen, ist die Anzeige noch als unverzüglich zu betrachten, wenn die Mitteilung sofort nach Wegfall des Hindernisses erfolgt.

Es gilt hier insbesondere zu berücksichtigen, dass man mindestens eine Abmahnung riskiert, wenn man seiner Anzeigepflicht nicht unverzüglich nachkommt. Denn der Arbeitgeber kann dann davon ausgehen, dass der Arbeitnehmer unentschuldigt fehlt.

Die Mitteilung über die Arbeitsunfähigkeit hat gegenüber dem Arbeitgeber zu erfolgen. In kleinen Unternehmen wird das der Unternehmensinhaber oft selbst sein. In größeren Unternehmen muss die Mitteilung gegenüber einer zur Empfangnahme entsprechender Erklärungen bevollmächtigten Person erfolgen. Das wird dann in der Regel oft der Vorgesetzte, Team- oder Abteilungsleiter sein.

Die Nachweispflicht

Wenn die Arbeitsunfähigkeit länger als drei Kalendertage dauert, hat der Arbeitnehmer eine ärztliche Bescheinigung (Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung) über das Bestehen der Arbeitsunfähigkeit sowie deren voraussichtliche Dauer spätestens an dem darauffolgenden Arbeitstag vorzulegen.

Diese gesetzliche Regelung ist vielen Arbeitnehmern bekannt, wird aber von einem Großteil von ihnen völlig falsch verstanden bzw. herrschen hier falsche Vorstellungen über deren Bedeutung. Immer wieder hört man Arbeitnehmer erzählen, dass man ja keine Krankschreibung vom Arzt benötige, wenn man maximal drei Tage krank sei. Oftmals wird das von vielen Arbeitnehmern als Freifahrtsschein für das sog. Krankfeiern gesehen, weil man ja nicht dazu verpflichtet sei, eine Krankschreibung vorzulegen. Dieser Irrtum kann völlig zu Recht fatale Folgen haben, wenn der Arbeitnehmer schlicht „krankfeiert“. Denn der Arbeitgeber kann die Vorlage einer ärztlichen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bereits ab dem ersten Tag der Arbeitsunfähigkeit verlangen. Und dieses Verlangen muss der Arbeitgeber auch nicht begründen, geschweige denn müssen Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich der Arbeitnehmer rechtsmissbräuchlich krankgemeldet hat.

Oftmals ist die Verpflichtung zur Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Tag der Arbeitsunfähigkeit bereits im Arbeitsvertrag enthalten. Eine entsprechende Verpflichtung kann sich aber auch aus einer Betriebsvereinbarung oder einem Tarifvertrag ergeben. Voraussetzung für das Recht des Arbeitgebers, die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung schon vor Ablauf von drei Tagen verlangen zu können, ist eine solche Regelung aber nicht.

Folgen bei Verletzung der Nachweispflicht

Kommt der Arbeitnehmer seiner Verpflichtung zur Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung nicht nach, so hat der Arbeitgeber zunächst mal ein Leistungsverweigerungsrecht gem. § 7 EFZG. Das heißt, der Arbeitgeber ist dazu berechtigt, die Fortzahlung des Arbeitsentgelts zu verweigern, solange der Arbeitnehmer die von ihm vorzulegende Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung nicht vorlegt.

Verletzt der Arbeitnehmer seine Verpflichtung zur Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung auch noch wiederholt, kann das den Arbeitgeber zu einer verhaltensbedingten Kündigung berechtigten.

Fazit

Arbeitnehmer sollten den ihnen obliegenden Anzeige- und Nachweispflichten stets gewissenhaft nachkommen und ihren Arbeitgeber rechtzeitig über Bestehen und voraussichtliche Dauer der Arbeitsunfähigkeit in Kenntnis setzen und eine entsprechende Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorlegen. Denn wer gegen diese Pflichten verstößt, riskiert nicht nur eine Abmahnung. Im Wiederholungsfall riskiert der Arbeitnehmer mit seinem Fehlverhalten vielmehr auch die Kündigung seines Arbeitsverhältnisses.
 

Autor: Dr. Kluge Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht aus Hannover, Tel-Nr. 0511-94000630
Foto: © Stasique - Fotolia.com

Diesen Artikel bewerten
Über den Autor

Redaktion fachanwalt.de




Weitere Artikel der Redaktion zum Thema
Arbeitsrecht Wann und wie lange ist eine Urlaubsperre erlaubt?

Für jeden Arbeitnehmer stellt sich jedes Jahr erneut die Frage nach der Urlaubsplanung. Immerhin soll diese Zeit bei vielen in der Sonne, am Strand, beim Skifahren in den Bergen oder auch beim Wandern und insbesondere mit der Familie verbracht werden. Gerade für Familien mit schulpflichtigen Kindern stellt die Urlaubsplanung, insbesondere in den langen Sommerferien, immer wieder eine Herausforderung dar. Umso ärgerlicher ist es dann, wenn vom Arbeitgeber für diese Zeiten eine Urlaubssperre verhängt wird. Hier stellt sich dann die Frage, ob der Arbeitgeber eine Urlaubssperre verhängen kann. Und was ist, wenn dem Arbeitnehmer für diese Zeit...weiter lesen

Arbeitsrecht Abmahnung wegen ständigem Zuspätkommen: Vorlage/Muster

Viele Arbeitgeber ärgern sich, wenn ihre Arbeitnehmer zu spät kommen. Doch wann dürfen sie eine Abmahnung oder sogar Kündigung aussprechen? Worauf müssen sie bei einer Abmahnung achten? Arbeitgeber brauchen es nicht klaglos hinzunehmen, wenn Arbeitnehmer zu spät an ihrem Arbeitsplatz erscheinen. Denn sie verstoßen gegen ihre Pflichten aus dem Arbeitsvertrag, wenn sie nicht rechtzeitig zum Beginn der Arbeitszeit da sind. Handelt es sich um einmaligen Vorfall, brauchen Arbeitnehmer gewöhnlich noch nichts befürchten. Anders sieht es jedoch dann aus, wenn dies mehrfach vorkommt. Der Arbeitgeber ist hier unter Umständen zum Ausspruch...weiter lesen

Arbeitsrecht Was ist Mobbing am Arbeitsplatz und was kann man dagegen tun?

Der Begriff „Mobbing“ entspringt aus dem englischen „to mob“, was so viel bedeutet wie jemanden anpöbeln. Das wiederum bedeutet aber nicht, das Mobbing auf Fälle des Anpöbelns reduziert ist. Der Begriff Mobbing steht hier vielmehr als Oberbegriff für eine ganze Reihe von Handlungen, Äußerungen und Ähnlichem, die von einer oder sogar mehrerer Personen gegenüber einer anderen ausgehen. Wo fängt Mobbing an? Wo Mobbing, speziell am Arbeitsplatz, beginnt, lässt sich nicht messerscharf definieren. Oft entwickelt sich Mobbing aus einem schleichenden Prozess. Was anfangs vielleicht noch lustig und als Scherz...weiter lesen

Arbeitsrecht Berechnung der Urlaubsabgeltung bei Krankheit oder Kündigung

Die Urlaubszeit ist für die meisten Arbeitnehmer die schönste Zeit des Jahres. Aber es kann auch vorkommen, dass der Urlaub aufgrund der Beendigung des Arbeitsverhältnisses oder in Folge einer langen Erkrankung, nicht in natura in Anspruch genommen werden kann. Ist man als Arbeitnehmer in solch eine Situation geraten, stellt sich die Frage, ob und in welchem Umfang ein Anspruch auf Urlaubsabgeltung besteht. Dabei sollte beachtet werden, dass der Anspruch auf Urlaubsabgeltung nicht mit einem eventuellen Urlaubsgeldanspruch verwechselt wird. Grundsätzliches zum Urlaubsanspruch Grundsätzlich gilt, dass der Urlaub in dem jeweiligen Kalenderjahr in dem...weiter lesen

Ihre Spezialisten