Wenn ein Krankenhaus nach einem neuen Krankenhausplan bestimmte Operationen nicht mehr anbieten darf, betrifft das nicht nur Klinikleitungen. Auch Patienten, Ärzte und Einweiser müssen wissen, ob ein bisheriger Standort seine Leistungen vorerst fortführen kann. Besonders deutlich wird das bei Pankreaseingriffen, also komplexen Operationen an der Bauchspeicheldrüse. In Nordrhein-Westfalen musste nun geklärt werden, ob ein Krankenhaus trotz Nichtzuweisung der entsprechenden Leistungsgruppe vorläufig weiter behandeln darf.
Das Oberverwaltungsgericht NRW hat die Beschwerde des Landes gegen eine für das Krankenhaus günstige Eilentscheidung zurückgewiesen. Praktisch bedeutet das: Die aufschiebende Wirkung der Klage bleibt bestehen, soweit es um die Nichtzuweisung der Leistungsgruppe 16.4 Pankreaseingriffe geht.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Krankenhausstandort hatte die Zuweisung der Leistungsgruppe 16.4 Pankreaseingriffe beantragt, erhielt sie aber im neuen Feststellungsbescheid nicht.
- Das OVG NRW bestätigte im Eilverfahren, dass die Klage gegen diese Nichtzuweisung insoweit aufschiebende Wirkung hat.
- Der Grund: Die Auswahlentscheidung war voraussichtlich fehlerhaft, weil ein ausgewählter Mitbewerber kein eigenes Angebot Strahlentherapie hatte und die vorgelegten Kooperationsunterlagen die Anforderungen an das Mindestkriterium Strahlentherapie mindestens in Kooperation nicht erfüllten.
- Wichtig für Kliniken: Vage oder unvollständige Kooperationsvereinbarungen reichen bei Mindestkriterien des Krankenhausplans nicht aus.
- Der Beschluss ist unanfechtbar. Über die Hauptsacheklage ist damit aber nicht abschließend entschieden.
Hintergrund: Neue Krankenhausplanung kann bisherige Leistungen entziehen
Die Antragstellerin ist Trägerin eines Klinikums mit mehreren Betriebsstellen. Nach einem früheren Feststellungsbescheid verfügte das Klinikum über einen Versorgungsauftrag für Chirurgie. Im Zuge der Umsetzung des Krankenhausplans NRW 2022 beantragte sie für einen Standort die Zuweisung der Leistungsgruppe 16.4 für Pankreaseingriffe mit 30 Fällen.
Für diese Leistungsgruppe plante das Land auf Ebene des Regierungsbezirks. Insgesamt beantragten 19 Kliniken die Zuweisung dieser Leistungsgruppe. Der prognostizierte Bedarf lag bei 309 Fällen, beantragt waren zusammen 586 Fälle. Am Ende erhielten fünf Krankenhausstandorte eine Zuweisung. Der Standort der Antragstellerin gehörte nicht dazu.
Die Behörde begründete die Nichtzuweisung unter anderem damit, dass Pankreaseingriffe hochkomplex und risikobehaftet seien. Deshalb solle eine Konzentration auf große Zentren erfolgen. Gelegenheitsversorger sollten künftig nicht mehr an der Versorgung von Patienten mit bösartigen Neubildungen der Bauchspeicheldrüse teilnehmen.
Was das Gericht entschieden hat und warum das wichtig ist
Das Oberverwaltungsgericht NRW wies die Beschwerde des Antragsgegners gegen den Beschluss des Verwaltungsgerichts vom 14. März 2025 zurück. Die Entscheidung erging zum Aktenzeichen 13 B 288/25.
Damit blieb es dabei, dass die Klage des Krankenhauses gegen den Feststellungsbescheid insoweit aufschiebende Wirkung hat, wie sie sich gegen die Nichtzuweisung der Leistungsgruppe 16.4 richtet. Der neue Bescheid darf in diesem Punkt vorläufig nicht vollzogen werden.
Praktisch ist das bedeutsam, weil der neue Feststellungsbescheid den bisherigen Versorgungsauftrag ab dem 1. April 2025 neu regelte und die Pankreaseingriffe nicht mehr umfasste. Nach Auffassung des OVG enthält ein solcher Rückfall hinter den früheren Versorgungsauftrag eine belastende Regelung. Diese kann im Verfahren nach § 80 Abs. 5 VwGO angegriffen werden.
Für Krankenhäuser bedeutet das: Wenn ein neuer Krankenhausplan bisherige Leistungen faktisch entzieht, geht es nicht nur um eine gewünschte neue Zuweisung. Es kann auch um den vorläufigen Erhalt eines früheren Versorgungsauftrags gehen.
Warum das Gericht so entschieden hat
Der Antrag war zulässig
Das OVG stellte klar, dass der Antrag auf Anordnung der aufschiebenden Wirkung zulässig war. Zwar wollte das Krankenhaus in der Hauptsache letztlich eine Zuweisung der Leistungsgruppe erreichen. Der angegriffene Feststellungsbescheid regelte den Versorgungsauftrag aber neu und nahm die betreffenden Behandlungen heraus. Darin lag eine Belastung.
Auch § 16 KHGG NRW stand dem nicht entgegen. Danach dürfen Leistungen einer Leistungsgruppe grundsätzlich nur erbracht werden, wenn diese im Feststellungsbescheid zugewiesen sind. Das Gericht stellte aber darauf ab, dass die Umsetzung des Krankenhausplans durch vollziehbare Feststellungsbescheide erfolgen muss. Wird die aufschiebende Wirkung angeordnet, ist die belastende Neuregelung vorläufig nicht vollziehbar.
Mehr Qualität darf wichtiger sein als räumliche Verteilung
Das OVG folgte dem Verwaltungsgericht nicht in allen Punkten. Es stellte klar, dass die Behörde bei einer Planung auf Regierungsbezirksebene ihre Auswahl grundsätzlich maßgeblich an Leistungs- und Qualitätskriterien ausrichten darf. Das gilt auch dann, wenn mehrere ausgewählte Standorte räumlich nah beieinander liegen.
Der Krankenhausplan sieht zwar vor, regionale Mehrfachvorhaltungen in unmittelbarer Nähe möglichst zu vermeiden. Dieses Ziel gilt aber nicht ausnahmslos. Gerade bei komplexen, planbaren Behandlungen darf nach der planerischen Grundentscheidung die Qualität stärker ins Gewicht fallen. Patienten können bei solchen Eingriffen längere Wege zum nächstgelegenen geeigneten Versorger zugemutet werden.
Fallzahlen können bei verlagerten Abteilungen mitwandern
Auch die Zurechnung früherer Fallzahlen anderer Standorte hielt das OVG nicht generell für fehlerhaft. In der Krankenhausplanung können Fallzahlen ein Qualitätskriterium sein, weil sie Rückschlüsse auf Erfahrung und Routine erlauben.
Werden Behandlungen einer Leistungsgruppe von einem Standort auf einen anderen verlagert, dürfen die früheren Fälle dem neuen Standort zugerechnet werden, wenn dieser von der gesammelten Expertise profitiert. Regelmäßig ist das der Fall, wenn eine ganze Abteilung einschließlich Personal und Ausstattung verlagert wird.
Beantragte Fallzahlen binden die Behörde nicht
Das Gericht stellte zudem klar, dass konkrete Fallzahlen, die Krankenhäuser beantragen, keine Bindungswirkung entfalten. Sie sind nur ein erster Aufschlag im Planungsverfahren. Die Behörde darf ausgewählten Krankenhäusern mehr Fälle zuweisen, als diese ursprünglich beantragt hatten, wenn sie die Leistungsfähigkeit ausreichend annimmt.
Das kann für unterlegene Mitbewerber hart sein. Rechtlich ist es nach der Entscheidung aber nicht schon deshalb ermessensfehlerhaft, weil die Konzentration der Leistungserbringung dadurch stärker ausfällt.
Der entscheidende Fehler lag bei einem Mindestkriterium
Trotzdem blieb die Beschwerde erfolglos. Der Grund lag in der Auswahl eines anderen Krankenhauses. Dieses hatte die Leistungsgruppe 16.4 erhalten, verfügte nach den Feststellungen des OVG aber nicht über ein eigenes Angebot Strahlentherapie. Die vorgelegten Unterlagen reichten auch nicht aus, um von einem Vorhalten dieses Angebots zumindest in Kooperation auszugehen.
Der Krankenhausplan verlangt für die Leistungsgruppe 16.4, dass Strahlentherapie zumindest in Kooperation vorgehalten wird. Solche Kooperationen müssen nach den Vorgaben des Krankenhausplans vertraglich fixiert und auf Dauer angelegt sein. Außerdem müssen sie konkrete inhaltliche und organisatorische Regelungen enthalten, etwa zu Kooperationspartnern, Eignung, Leistungsort, Leistungsinhalt, zeitlicher Verfügbarkeit und Kooperationsdauer.
Der vorgelegte Konsiliararztvertrag und ein Nachtrag genügten diesen Anforderungen nach Auffassung des Gerichts nicht. Es fehlten insbesondere hinreichende Angaben zur zeitlichen Verfügbarkeit der Strahlentherapie. Außerdem blieb unklar, wo die Leistungen für die hinzugetretenen Vertragspartner erbracht werden sollten.
Gleichbehandlung zwingt zur Beachtung der Mindestkriterien
Der Krankenhausplan hat zwar nicht die Qualität eines allgemein verbindlichen Gesetzes. Er wirkt aber als innerdienstliche Vorgabe für die Verwaltung. Das aus Art. 3 Abs. 1 GG folgende Recht auf gleichmäßige Verwaltungspraxis verlangt grundsätzlich, dass die Behörde ihre eigenen Planvorgaben einhält.
Deshalb dürfen Leistungsgruppen grundsätzlich nur solchen Bewerbern zugewiesen werden, die die Mindestkriterien erfüllen. Eine Abweichung kommt nur in Betracht, wenn besondere Gründe des Einzelfalls dies erlauben oder verlangen. Solche Gründe sah das OVG hier nicht.
Was die Entscheidung praktisch bedeutet
Für Krankenhausträger ist die Entscheidung ein wichtiger Hinweis: Wer im Krankenhausplan eine Leistungsgruppe erhalten will, muss Mindestkriterien sauber belegen. Gerade Kooperationen dürfen nicht nur allgemein beschrieben sein. Sie müssen organisatorisch belastbar und vertraglich nachvollziehbar geregelt sein.
Für unterlegene Krankenhäuser zeigt die Entscheidung zugleich, dass ein Eilverfahren sinnvoll sein kann, wenn der neue Feststellungsbescheid den bisherigen Versorgungsauftrag beschneidet. Das OVG stellt klar, dass eine solche Beschränkung vorläufig überprüfbar sein kann.
Für Patienten und Zuweiser bedeutet die Entscheidung nicht automatisch, dass jeder bisherige Standort dauerhaft weiter Pankreaseingriffe anbieten darf. Sie zeigt aber: Die neue Krankenhausplanung kann im Einzelfall gerichtlich überprüft werden, wenn eine Auswahlentscheidung voraussichtlich rechtswidrig ist.
Welche Fehler Krankenhäuser vermeiden sollten
- Kooperationen nicht nur allgemein vereinbaren: Verträge sollten klar regeln, wer welche Leistung wann, wo und für welche Dauer erbringt.
- Mindestkriterien nicht unterschätzen: Auswahlkriterien helfen erst weiter, wenn die Mindestvoraussetzungen erfüllt sind.
- Fallzahlen nicht als alleinige Garantie verstehen: Hohe oder steigende Fallzahlen können wichtig sein, ersetzen aber keine fehlenden Mindestkriterien.
- Anträge nicht als bindend ansehen: Beantragte Fallzahlen begrenzen die spätere Zuweisung nicht zwingend.
- Bescheide genau prüfen: Wenn ein neuer Feststellungsbescheid frühere Leistungen nicht mehr umfasst, kann darin eine rechtlich relevante Belastung liegen.
Redaktions-Tipp
Wer als Krankenhaus eine Leistungsgruppe nur über eine Kooperation erfüllen will, sollte frühzeitig prüfen, ob der Vertrag die Anforderungen des Krankenhausplans konkret abbildet. Besonders wichtig sind Leistungsort, Leistungsinhalt, zeitliche Verfügbarkeit und Dauer der Kooperation.
Häufige Fragen
Darf das Krankenhaus jetzt dauerhaft Pankreaseingriffe anbieten?
Das lässt sich aus der Eilentscheidung nicht ableiten. Das Krankenhaus darf die Leistungen vorläufig weiter erbringen, soweit die aufschiebende Wirkung greift. Die Hauptsache ist damit nicht abschließend entschieden.
Was ist die Leistungsgruppe 16.4?
Die Leistungsgruppe 16.4 betrifft Pankreaseingriffe, also Eingriffe an der Bauchspeicheldrüse. Der Krankenhausplan NRW ordnet solche Leistungen bestimmten Standorten zu.
Warum war die Strahlentherapie so wichtig?
Nach dem Krankenhausplan NRW 2022 ist ein Angebot Strahlentherapie mindestens in Kooperation ein Mindestkriterium für diese Leistungsgruppe. Ohne ein eigenes Angebot und ohne ausreichende Kooperationsunterlagen durfte die Leistungsgruppe nach Auffassung des OVG nicht zugewiesen werden.
Reicht ein Kooperationsvertrag mit Ärzten immer aus?
Nein. Nach der Entscheidung muss die Kooperation vertraglich fixiert, dauerhaft angelegt und konkret geregelt sein. Unklare Angaben zur Verfügbarkeit oder zum Leistungsort können problematisch sein.
Können Patienten sich auf diese Entscheidung berufen?
Die Entscheidung betrifft unmittelbar das Krankenhaus und den Feststellungsbescheid. Für Patienten ist sie vor allem praktisch wichtig, weil sie zeigt, dass der Leistungsumfang eines Krankenhauses durch Krankenhausplanung geändert werden kann und solche Änderungen vorläufig gerichtlich überprüft werden können.
Entscheidungsdaten
- Gericht: Oberverwaltungsgericht NRW
- Entscheidungsdatum: 29. Juli 2026
- Aktenzeichen: 13 B 288/25
- Vorinstanz: Verwaltungsgericht, Beschluss vom 14. März 2025
- Rechtsgebiet: Krankenhausplanungsrecht, Verwaltungsprozessrecht
- Wichtige Normen: § 80 Abs. 5 VwGO, § 16 Abs. 1 Satz 2 und Abs. 5 Satz 1 KHGG NRW, § 8 Abs. 2 Satz 2 KHG, Art. 3 Abs. 1 GG, Art. 12 Abs. 1 GG
- Verfahrensstand: Beschwerde zurückgewiesen, Beschluss unanfechtbar
- Streitwert: 25.000 Euro für das Beschwerdeverfahren
Symbolgrafik:© KI








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