Empathie lernen: Bewährte Übungen für mehr Mitgefühl mit Beispielen!

Von fachanwalt.de-Redaktion, letzte Aktualisierung am: 9. September 2021

Sie werden bestimmt feststellen, dass es Menschen gibt, mit denen Sie auf Anhieb „können“. Andere wiederum sind Ihnen gleich von Beginn an weniger sympathisch. Umgangssprachlich reden wir im ersteren Fall davon, dass die „Chemie stimmt“. Die Wissenschaft spricht von Empathie, die ein Schlüssel für privaten und beruflichen Erfolg ist. Es geht um Einfühlungsvermögen, Anteilnahme, Wertschätzung, Sensibilität. Die Frage ist, kann man Empathie lernen?

Empathie - Begriff und Arten

Empathie (© pressmaster – stock.adobe.com)
Empathie (© pressmaster – stock.adobe.com)
Allgemein spricht man von empathischen Menschen, wenn sie es verstehen, sich in die Gefühlswelt des Gegenübers zu versetzen und Verständnis für das Verhalten zeigen. Empathie ist fühlend, mitfühlend, verständnisvoll zu sein. Wenn der Grund für das Handeln anderer bekannt ist, dann ist dieses nachvollziehbar und unter bestimmten Voraussetzungen vorhersagbar.

Ob gezielte Hilfe, angemessene Reaktion auf Emotionen oder Vermeidung von Konflikten: Empathie ist ein zentraler Baustein der emotionalen Intelligenz und wirkt sich positiv auf die sozialen Kontakte jeder Ebene aus.

Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen:

  • Kognitive Empathie, wenn man sich gedanklich in jemand hineinversetzt. Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, die Verhaltensweisen zu verstehen und zu akzeptieren.
  • Emotionale Empathie, wenn man die Fähigkeit hat, mit anderen tatsächlich mitzufühlen und dies unabhängig von kulturellen Unterschieden, sozialer Herkunft, Temperament und Charakter.

Welche Bausteine bilden die Basis für empathisches Handeln?

In erster Linie ist es die Bereitschaft, sich vollkommen darauf einzulassen, ohne dabei eigene oder Grenzen des Umfelds zu verletzen.

  • Ich nehme wahr und erkenne, wie es dem anderen geht. Die Deutung von Gestik, Mimik, Körpersprache, seine Äußerungen, die Stimme zeichnen mir ein Bild, das ich nach Möglichkeit vorurteilsfrei aufnehme.
  • Ich entwickle Verständnis für die Gründe des Verhaltens und stelle Fragen nach dem Warum, den Umständen, Ursachen, Motiven.
  • Ich beobachte meine Reaktionen, welche Gefühle in mir entstehen. Wie spreche ich, welche Worte wähle ich, was spüre ich in mir. Mitgefühl? Akzeptanz? Zorn? Angst?
  • Ich versuche die künftigen Reaktionen und Handlungen vorwegzunehmen (antizipieren). Sowohl die eigenen als auch die meines Gegenübers. Dadurch erkenne ich mögliche „Grenzübertritte“, gefährliche, aber auch förderliche Abschnitte auf unserem gemeinsamen Weg.

Wie kann man Empathie lernen?

Ein erster wichtiger Schritt ist die Fähigkeit zur Selbstreflexion zu entwickeln. Sie ist die wahre Macht und ist dennoch vielfach unterschätzt. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns wie in einem Spiegelbild betrachten und damit Erkenntnisse gewinnen, die uns so gar nicht gefallen? Dann lassen wir es lieber.

Trotz allem: Selbstreflektive Menschen sollen mehr Glück und Erfolg im Leben haben als jene, die diese Fähigkeit nicht besitzen. Grund dafür ist, dass mit der bewussten Selbstreflexion auch die Bereitschaft steigt, etwas an sich zu ändern, an sich zu arbeiten. Weitere Möglichkeiten, Empathie zu trainieren und zu erlernen, sind:

  • Entwickeln Sie die Fähigkeit zum „Hinhören“. In Seminaren und Vorträgen spricht man vom „aktiven Zuhören“. Sie vermitteln Wertschätzung, indem Sie zeigen, dass Sie verstanden haben, was Ihr Gesprächspartner gerade von sich gegeben hat. Dazu setzen Sie Fragetechnik ein, um das, was Sie gehört haben, nicht einfach zu wiederholen, sondern zu verstehen.
    • „Wenn ich Sie richtig verstanden habe,…“
    • „Wie war das Gefühl als…“
    • „Ich höre aus Ihren Worten, dass Ihnen noch etwas auf der Seele brennt…“
  • Trainieren Sie, dass Sie sich nicht von Vorurteilen leiten lassen. Wie der Name schon sagt, es sind Urteile, die man „vorher“ fällt, ohne den Sachverhalt zu kennen. In einem gesunden Rechtssystem darf es so etwas nicht geben. Für uns als Individuen waren Vorurteile überlebenswichtig. Als wir noch im trauten Kreise um das Lagerfeuer vor unserer Höhle saßen, war jeder dunkle graue Schatten erst mal ein gefährlicher Säbelzahntiger. Dementsprechend erfolgte die schnelle und treffsichere Reaktion, auch wenn es sich nur um ein verirrtes Schaf handelte, das Unterschlupf suchte. Das Verhalten, diesen Automatismus (Affekt) haben wir immer noch in uns, deshalb unterliegen wir immer wieder der oft irreführenden Macht der Vorurteile. Schieben Sie dieses selbstgefertigte Bild auf die Seite und werfen Sie einen Blick auf das, was dahinter zu sehen ist.
  • Empathie (© pressmaster – stock.adobe.com)
    Empathie (© pressmaster – stock.adobe.com)
    Wie lange brauchen Sie, um ein Klavierstück zu erlernen? Der weltbekannte Pianist Lang-Lang nennt die Zahl von 4000 Stunden, wenn er ein neues Stück einstudiert als unterste Grenze. Das sind beinahe 500 Tage zu 8 Stunden, also fast zwei Jahre harten Trainings, permanenter Wiederholungen. Das Beispiel soll uns zeigen, dass wir das empathische Klavier in uns nur professionell spielen, wenn wir tagtäglich üben und uns dafür die Zeit nehmen. Die gezielte Selbstbeobachtung und Selbstreflexion liefert uns dazu die Grundlagen, um empathisches Denken und Handeln schrittweise zu erlernen und umzusetzen.
  • Schärfen Sie Ihre Beobachtungsgabe: Trainieren Sie darauf zu achten, wie Menschen in unterschiedlichen Situationen reagieren. Welche Auslöser für bestimmte Verhaltensweisen können Sie erkennen? Welche Motivation (Beweggrund) kann dahinterstehen?
  • Verzichten Sie darauf, andere Menschen zu „verändern“. Ihr Kollege ist erst nach dem zweiten Kaffee ansprechbar? Ihr Partner braucht am Morgen seine 30 Minuten Ruhe, bevor er sich den Herausforderungen des Tages und Ihnen widmen kann? So wie Menschen Ihre morgendliche Joggingrunde drehen oder am Abend bummeln gehen: Sie haben ihre Rituale entwickelt und alles, was sie aus dieser Routine wirft, ist störend und schwer zu akzeptieren. Empathie heißt nicht umsonst Verständnis für das Verhalten von anderen zu entwickeln und so weit zu akzeptieren, als es die eigenen Interessensphären nicht verletzt. Manche Experten sprechen davon, einen Handel abzuschließen: „Ich lasse Dir Deine 30 Minuten am Morgen, dafür trägst Du zweimal die Woche den Müll runter. Deal?“. Mag eine tragfähige Strategie dann sein, wenn die „Währung“, die dem Handel zugrunde liegt, auch vergleichbar ist. Ob Apfel oder Birne: Es kommt auf den individuellen Geschmack an, welchen Wert die Früchte repräsentieren. Darum sind Tauschgeschäfte mit Emotionen sehr sensibel einzusetzen, vor allem dann, wenn es um Veränderung von Ritualen geht.
  • Zeigen Sie Ihr Verständnis und Mitgefühl, ohne zu übertreiben: Echte Anteilnahme braucht keine großen Gesten. Dafür sind Schauspieler besser trainiert. Oft genügt eine Berührung, ein Blick in die Augen, ein verständnisvolles Nicken. Verständnis zu zeigen, muss nicht zwingend eine Sache von Worten sein. Es sind noch viele andere Ausdrucksmittel zu finden. Vor allem die Körpersprache, die den gesprochenen Worten immer vorangeht. Bei der Technik des neurolinguistischen Programmierens (NLP) kennen wir das „Spiegeln“, die bewusste Synchronisation der Gestik, Mimik, der Sprachmelodie des Gegenübers. Das hat nichts mit „Nachmachen“ zu tun. Für geübte Menschen läuft dieser Prozess fast automatisiert ab und ist ein Zeichen hoher emotionaler Übereinstimmung.

Für und Wider empathischen Handelns

Wir können Emotion auch mit den Saiten einer Gitarre, einer Harfe oder den Tasten eines Klaviers gleichsetzen. Nur die gemeinsame Schwingung erzeugt einen Ton. Deshalb ist Emotion immer auf ein Gegenüber angewiesen, das für ausgesendete „Schwingungen“ empfänglich ist und auf diese reagiert.

Sympathisch wirken (© fizkes – stock.adobe.com)
Sympathisch wirken (© fizkes – stock.adobe.com)
Man hört es immer wieder: Im Job können wir uns keine Gefühle leisten, die Ellenbogen sind die wahren Waffen. Einfühlungsvermögen ist fehl am Platz, es zählen nur die Ergebnisse. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass Sozialkompetenz wieder im Kommen ist, denn sowohl privat als auch im Beruf ist diese Fähigkeit für konfliktfreies Zusammenleben und -arbeiten von Bedeutung.

Dosis entscheidet über die Wirksamkeit

Wir neigen manchmal dazu, unsere empathischen Fähigkeiten wie die Streusel auf einem Kuchen zu verteilen. Doch oft führt der Grundsatz „Weniger ist mehr“ eher zum Ziel. Im Job, ob als Mitarbeiter oder Führungskraft ist Empathie ein Baustein für stabile soziale Beziehungen, funktionierende Teams und Konfliktfreiheit. Spricht jemand von Führungskompetenz, so meint er damit die Fähigkeit zur „zerstörungsfreien“ Konfliktlösung und Motivation zur Leistungsorientierung im Team. Wieweit dies unter empathischen Grundsätzen geschieht, ist in aller Regel im Selbstverständnis des Unternehmens verankert.

Grenzüberschreitungen sind immer noch Regelverstöße

Trotz allem Einfühlungsvermögen sind vereinbarte Grenzen einzuhalten. In einem Fußballspiel kann der Schiedsrichter sehr wohl empathisch agieren. Doch über die Auswirkungen einer „roten Karte“ gibt es keine Diskussion. Deshalb bringen überzogene Bemühungen, empathisch zu sein, beruflich wie privat, Menschen schnell an die Belastungsgrenze. Auf der anderen Seite wird es immer Zeitgenossen geben, die Empathie mit Gutgläubigkeit gleichsetzen und damit eine hohe Manipulationsfähigkeit entwickeln. Diesen ausgeliefert zu sein ruft in uns empathischem Stress hervor.

Checkliste zum Empathie lernen

Die folgende Aufstellung soll Ihnen helfen, Ihre Empathiefähigkeit zu entwickeln und zu trainieren. Denken Sie an das Beispiel von Lang-Lang, dem Pianisten.

Fragestellungen

Beobachtungen

Anmerkungen

Habe ich die Fähigkeit, meine eigenen Gefühle wahrzunehmen?

Woran erkenne ich das?

Gibt es einen konkreten Anlass?

Ist die Wahrnehmung auf bestimmte Personen bezogen?

Gibt es zeitliche Unterschiede (Abend, Morgen).

Ein wichtiger Baustein ist die Erforschung der Ursachen. Dann ist bewusste Konzentration auf die Gefühle möglich.

Ich nehme mir die Zeit, andere Menschen in verschiedenen Situationen zu beobachten. Welche Schlüsse ziehe ich daraus?

Wie gehen sie miteinander um?

Wie gestalten sie die sozialen Interaktionen (Begrüßung, Verabschiedung)?

Was sagt mir Körperhaltung, Gestik, Mimik über sie?

Wie ist die Tonlage?

Ich möchte erkennen, wie sich Menschen in dem Augenblick fühlen. Erscheinen Sie mir empathisch, zeigen sie Gefühl, Verständnis?

Ich beobachte mich bei sozialen Interaktionen. Was kann ich daraus lernen?

Neige ich dazu, den Gesprächspartner zu unterbrechen?

Werde ich im Gespräch unterbrochen?

Welche Emotionen kommen in mir auf?

Welche Botschaften empfange ich auf der nonverbalen Ebene?

Empfehlenswert ist es, die Beobachtung anfänglich auf bestimmte Bereiche zu richten: die Sprache, die Gestik, die Mimik. Erst nach einiger Übung ist ein Gesamtbild sinnvoll.

Wie reagiere ich in Stresssituationen? Was passiert mit mir, wenn ich das Gefühl habe, mich verteidigen zu müssen?

Kann ich andere Meinungen akzeptieren?

Neige ich dazu, andere zu „überfahren“?

Habe ich das Gefühl, dass ich die Erwartungen nicht erfüllen kann?

Wie ändert sich meine subjektive Gefühlslage und wie drücke ich diese dann aus?

Selbstreflexion ist ein wesentlicher Bestandteil, um Empathie zu lernen. Es geht darum festzustellen, wie sich die Gefühlslage ändert und daraus konkrete Schlüsse zu ziehen.

Ich beobachte, wie meine Vorurteile mein Verhalten beeinflussen.

Habe ich ein mehr oder weniger ausgeprägtes „Schubladen-Denken“?

Bin ich mir sehr schnell klar, ob ich eine Person sympathisch finde oder nicht?

Kann ich offen und neugierig auf andere Menschen zugehen?

Vorurteile hindern uns daran, den „wahren“ Menschen zu erkennen. Wir setzen ihm damit eine Maske auf und verdecken sein wahres Gesicht.

Ich lerne durch Beobachten. Kann ich schnell auf neues Verhalten „umschalten“.

Wie fühle ich mich in einem negativen Umfeld und wie interagieren die Menschen?

Welche Rolle nehme ich ein?

Wie reagieren Menschen auf Trauer und Angst, sind sie hilfsbereit oder wenden sie sich eher ab?

Abhängig vom Gefühl hilft die Eigenbeobachtung. Welches Verhalten sagt Ihnen zu und wie schnell können Sie es annehmen.

 

Empathie ist mehr als eine Fähigkeit. Sie zu erlernen ist ein laufender, andauernder Prozess, der nicht bereits nach einigen Tagen abgeschlossen ist. Es braucht Zeit, Nachsicht und Geduld mit sich selbst. Am Anfang mag es schwer erscheinen, doch mit viel Übung und Selbstreflexion wird es immer besser gelingen.

Ihre Motivation finden Sie in den vielen kleinen und wenigen großen Erfolgen. Spüren Sie, wie sich Ihr Umfeld ändert und wie es auf Ihre „neue“ Art der Interaktion reagiert. Ab einem Zeitpunkt, wenn Ihre Lern- und Erfahrungskurve stark im Steigen begriffen ist, können Sie mit Stolz und ein wenig Demut auf Ihre „Lehrjahre“ zurückblicken.

Fachanwalt.de-Tipp: Mittlerweile haben die Seminare und Trainings zur Steigerung der Empathiefähigkeit auch die Hochschulen erreicht. Viele Universitäten bieten ihren Studenten eigene Lehrgänge an. Nicht nur in den Geisteswissenschaften, sondern auch in „harten“ Disziplinen wie BWL, Marketing, Informatik und ähnliche. Wissenschaftler sind der Überzeugung, dass dieser Kompetenzbereich im Berufsleben immer mehr an Bedeutung gewinnt.



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